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Am 26. April 2011 jährte sich zum 25ten mal die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.
In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 führten Experimente an dem Reaktor in
Tschernobyl dazu, dass der RBMK-Reaktor um 01:23 Uhr unkontrollierbar wurde
und explodierte; die größte nukleare Reaktorkatastrophe der Geschichte war die
Folge. Riesige Mengen radioaktiver Stoffe wurden über etwa zehn Tage infolge
des Brandes des Moderators Graphit freigesetzt und mit den Luftströmungen weiträumig
neben dem Gebiet der ehemaligen UdSSR auch in Nord- und Westeuropa abgelagert.
Die erste Wolke mit radioaktiven Teilchen bewegte sich nach Nordwesten Richtung
Ostsee und Schweden. Zu diesem Zeitpunkt fand südlich der schwedischen Insel
Gotland in der zentralen Ostsee unter Beteiligung von dreizehn Forschungsschiffen
fast aller Ostseeanrainerstaaten das Patchines
Experiment "PEX" statt, bei dem die fleckenhafte und rasche Entwicklung der Frühjahrs-plankton-blüte
und die damit verbundene schlagartige Abnahme der Nährstoffkonzentration im
Wasser untersucht werden sollte. Auch das Forschungsschiff GAUSS des Deutschen
Hydrographischen Instituts (DHI), jetzt Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie,
war an diesem Experiment beteiligt. Nebel führte dazu, dass sich auch in der
zentralen Ostsee große Mengen radioaktiver Teilchen niederschlugen und das Wasser
und die Schiffe kontaminierten. Nachdem bekannt wurde, dass sich ein schwerer
Kernkraftwerkunfall in der damaligen Sowjetunion ereignet hatte, wurden
von den Forschungsschiffen Wasserproben entnommen und später im Labor analysiert.
Damit war das DHI eine der ersten Institutionen, die aktuelle Messungen nach
der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Ostsee durchführten.
Die GAUSS besitzt im Schiffsboden ein Strahlenmessgerät, das kontinuierlich die
Gamma-Strahlung im Wasser misst. Die Strahlung des Gerätes zeichnete ab dem
29. April stark erhöhte Messwerte auf.
Um festzustellen, welche Auswirkung die radioaktive Belastung in Nord- und
Ostsee hinterlassen hat, wurden in den Tagen nach dem Unfall zahlreiche Messungen
und Kampagnen von den Mitarbeitern des DHI durchgeführt. Es war schnell klar,
dass die Ostsee, insbesondere der nördliche Teil in der Bottensee und der finnische
Meerbusen, durch Regen stark kontaminiert worden waren. Hamburg erreichte die
radioaktive Wolke in der Nacht vom 2. zum 3. Mai. Am damals noch bemannten Feuerschiff
"ELBE 1" registrierte das Strahlenmessgerät erhöhte Werte am 3. Mai 1986 ab
21:45 Uhr. Das automatische Radioaktivitätsmessnetz des DHI konnte die zeitmäßige
und räumliche Verteilung des Niederschlags der radioaktiven Wolken in Nord-
und Ostsee an den verschiedenen Orten verfolgen.
Unter Leitung von Dr. Hartmut Nies vom DHI wurde im Oktober 1986 eine internationale
Expedition mit FS GAUSS in die gesamte Ostsee durchgeführt, auf der die unterschiedlich
starke Belastung der Ostsee untersucht wurde. Hierbei wurden zum einen Wasser-
und Sedimentproben und auch Bodenfauna entnommen und auf radioaktive Stoffe
analysiert. Damals war auch die IAEA an der Untersuchung beteiligt.
Eine ähnliche Expedition wurde dann im Sommer 1987 mit dem VWFS ATAIR wiederholt,
um die Veränderung der Kontamination innerhalb eines Jahres zu verfolgen. Sensation
war damals, dass daran auch ein Kollege vom damaligen Staatlichen Amt für Atomsicherheit
und Strahlenschutz (SAAS) der DDR an der Untersuchung beteiligt war. ATAIR besuchte
während dieser Fahrt u.a. auch die Städte Leningrad, (heute wieder St. Petersburg),
Danzig und Helsinki. Seitdem finden jährlich Überwachungsfahrten mit den Schiffen
des BSH statt, um die zeitliche Entwicklung der Radioaktivität in der Ostsee
zu verfolgen. Die Daten werden auch im Rahmen einer HELCOM-Expertengruppe international
gesammelt und bewertet.
Der Fallout des Unfalles von Tschernobyl hat seine Spuren in der Ostsee hinterlassen
und diese sind nach wie vor gut zu messen. Die Schwerpunkte des radioaktiven
Niederschlages bildeten der Bottnische Meerbusen, der Finnische Meerbusen und
- in geringerem Maße - die Lübecker Bucht. Charakteristisch für den Fallout
waren längerfristig die Radionuklide Cs-134 und Cs-137, die eine Halbwertszeit
von zwei bzw. 30 Jahren aufweisen und damals in einem Aktivitätsverhältnis von
etwa 0,5 freigesetzt worden waren. Cs-134 ist inzwischen im Meeresbereich nicht
mehr nachweisbar, jedoch liegt die Konzentration von Cs-137 in der gesamten
Ostsee immer noch höher als sie vor dem Unfall von Tschernobyl zu messen war.
Ein Teil des Cs-137 wurde im Wasser an Schwebstoffe und Plankton gebunden und
sedimentierte auf den Meeresboden der Ostsee. Die höchsten Aktivitäten sind
heute in 2 bis 4 cm Tiefe der Sedimente zu finden, da in der Zwischenzeit über
die älteren Sedimente frische und weniger belastete Sedimente abgelagert wurden.
Außer den beiden genannten Radionukliden spielen andere damals gemessene
Nuklide radiologisch im Meeresbereich keine Rolle mehr. Das Dosis bestimmende
Nuklid Iod-131 weist nur eine Halbwertszeit von acht Tagen auf und war nach
einigen Wochen nicht mehr nachzuweisen. Schwerer flüchtige Radionuklide wie
Sr-90 und Plutonium-Isotope wurden hauptsächlich in Weißrussland, Russland und
der Ukraine abgelagert. Sie stellen dort nach wie vor ein radiologisches Problem
dar.
In der Nordsee konnte der Fallout von Tschernobyl ebenfalls hauptsächlich
in der Deutschen Bucht und westlich der norwegischen Küste nachgewiesen werden.
Die Elbe brachte auch noch eine leichte zusätzliche Belastung aus dem Oberlauf
bis etwa Ende 1987 in die Deutsche Bucht. Die Werte nahmen aber insgesamt schnell
ab, da die Nordsee im Vergleich zur Ostsee viel stärker mit wenig belastetem
Atlantikwasser durchströmt wird. Der Austrag kontaminierten Wassers aus der
Ostsee ließ sich viele Jahre im Kattegat und im Skagerrak und danach entlang
der norwegischen Küste in Richtung arktischer Meeresgebiete verfolgen. In der
Nordsee sind heute praktisch keine Radionuklide von Tschernobyl mehr nachzuweisen.
Die in der Nordsee zu messenden Radionuklide stammen heute einerseits von Ableitungen
aus den nuklearen Wiederaufbereitungsanlagen Sellafield an der Irischen See
im Nordwesten Englands und La Hague an der französischen Küste im Ärmelkanal
und andererseits noch von den atmosphärischen Atombomben-versuchen der Amerikaner
und Russen in den 50er und 60er Jahren. Auch dieser Fallout hat seine Spuren
in den Meeren hinterlassen. Ableitungen aus Kernkraftwerken sind so gering,
dass sie in Nord- und Ostsee nicht zu messen sind.
Das BSH wird entsprechend seinem gesetzlichen Auftrag auch in Zukunft Nord-
und Ostsee auf radioaktive Stoffe überwachen. Dies erfolgt sowohl mit dem automatischen
Radioaktivitätsmessnetz, das den Eintrag radioaktiver Stoffe durch mögliche
Unfälle in das Meer schnell nachweisen würde, als auch durch Probeentnahme auf
See und der anschließenden genauen Analyse im BSH-Labor in Hamburg-Sülldorf.
Die Daten aus dem Messnetz werden wöchentlich im Internet aktualisiert und sind
damit für jeden einsehbar. Sie werden täglich an das Bundesmess- und Informationssystem
"IMIS" des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
übermittelt. Dort stehen sie zusammen mit Daten weiterer Umweltbereiche anderer
Landes- und Bundesbehörden für eine schnelle und umfassende Bewertung der radiologischen
Lage zur Verfügung. Für einen hoffentlich nie eintreffenden neuen Unfall dieses
Ausmaßes ist die Bundesrepublik Deutschland inzwischen viel besser gerüstet
als es 1986 der Fall war. Das BSH wird auch in Zukunft seinen gesetzlich geforderten
Beitrag hierzu leisten, um die Meere auch vor radioaktiver Bedrohung zu schützen.
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