 |

Aufgabenstellung
Etwa auf der Position 54°05,13' N 010°57,74' E in der Neustädter
Bucht bei Pelzerhaken wurden durch Taucher des UW-Teams Schmiel
15 Objekte gefunden. Es handelt sich dabei offensichtlich um
180 bis 200 cm lange zylindrische metallische Objekte mit einem
Durchmesser von etwa 80 bis 100 cm. An der Längsaußenwand sind
Abstandshalter oder Verstrebungen angebracht, so dass vermutet
werden kann, es handelt sich um Druckgefäße. Die Objekte liegen
innerhalb eines in der Seekarte bezeichneten Versenkungsgebietes
für Munition.
Von Herrn Schmiel wurden Stellen des Landes Schleswig-Holstein
und der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung benachrichtigt. Die
Objekte sind aber mit allen bisher bekannten Objekten nicht
vergleichbar. Von seiten der Munitionsentsorgungsstelle Munster
wurde daher die Vermutung geäußert, es könnte sich um Objekte
handeln, in denen sich radioaktive Abfälle befinden. Das BSH
wurde daher vom Umweltministerium Schleswig-Holstein um Amtshilfe
gebeten, zusammen mit dem Munitionsräumdienst aus Schleswig-Holstein
die Objekte auf diese Eigenschaft hin zu untersuchen, da dem
Munitionsräumdienst S.-H. keine entsprechende Schiffslogistik
zur Verfügung steht.
Folgende Untersuchungen an den Objekten wurden am 24. April
2001 zusammen mit den vier Personen des Kampfmittelräumdienstes
Schleswig-Holstein auf dem VWFS DENEB durchgeführt.
- 08:35 - 09:55 Uhr: Vermessung der Objekte mittels Sidescan-Sonar:
Ergebnis:
11 Objekte befinden sich etwa in einem rechtwinkligen
Dreieck mit 10 m x 10 m Kathete und ca. 15 m in der Hypotenuse
in etwa 21 m Tiefe. Die Objekte werden zugeordnet:
* Vier Objekte liegen zentral gehäuft (Bezeichnung A),
* zwei Objekte an der Spitze des "Dreiecks" (B),
* die restlichen Objekte werden von Ost nach Westen von 1
bis 6 bezeichnet .

Abb. 0: Sidescanaufnahme der Objekte. Die meisten Proben wurden in unmittelbarer Umgebung der Objekte "A" entnommen, auf der 4 Behälter liegen.
09:55 - 10:24 Uhr: Das Schiff legt sich mit Heck- und Buganker
so, dass die Mitschiffssteuerbordseite zwischen den Objekten
A und 1 und 2 zu liegen kommt.
- 10:37 - 11:18 Uhr: Untersuchung der Objekte mit Taucher
und Anbringen der Radioaktivitäts-Gamma-Sonde:
Ein Taucher wird mit einem Alarmdosimeter ausgerüstet und
taucht die gefundenen Objekte ab. Er befestigt auf dem Haufen
bei A die Unterwassersonde zur Messung der gamma-Strahlung.
(Das Alarmdosimeter zeichnet die Dosis auf und gibt bei Überschreitung
der eingestellten Dosisleistung akustischen Alarm.)
Ergebnis auf dem Alarmdosimeter: Die Alarmschwelle auf dem
Dosimeter wurde auf 10 µSv/h eingestellt. Nach ca. 45 min. Tauchzeit
wird die Dosis 0,0 µSv angezeigt.
Vom UW-Team Schmiel waren 15 Objekte berichtet worden, wovon
eines geöffnet vorgefunden wurde. Es werden aber nur 11 Objekte
identifiziert. Die Zeit am 24. April reicht nicht aus, die anderen
Objekte nach den Untersuchungen noch zu suchen. Das "offene"
Objekt, wie von Herrn Schmiel berichtet, wird nicht gefunden.
- Es werden mehrere Messungen der gamma-Strahlung mit jeweils
1000 s Messzeit aufgezeichnet. Die Spektren werden addiert,
nachdem die Sonde weitgehend konstante Messergebnisse nach
Temperaturangleichung an die vorliegende Wassertemperatur zeigt.
Die addierten Spektren der Messungen 2 bis 7 sind in Abbildung 1 dargestellt.

Abb. 1: Gamma-Spektrum der addierten Spektren 2
bis 7 mit je 1000 s Messzeit. Die Sonde befand sich direkt auf einem der
Objekte.
Ergebnis: In dem Spektrum sind deutlich die Gamma-Linien
des natürlich vorkommenden K-40 bei 1460 keV und des künstlichen
Radionuklids Cs-137 bei 662 keV zu erkennen. Weitere schwache
Linien finden sich bei den Energien 185 keV (Ra-226, U 235),
238 - 242 keV ( Pb-212, Pb-214), 295 keV (Pb-214), 352 keV (Pb-214).
Alle diese Linien sind natürlichen Ursprungs und stammen aus
den Radionukliden im Sediment.
Es ist kein Anzeichen für eine erhöhte Strahlung
aus den untersuchten Objekten nachzuweisen.
- Vergleichsmessung im Sediment:
Nach Beendigung der gesamten
Untersuchung um 15:10 Uhr verholt
das Schiff auf eine Position gut frei aus dem Einflussbereich
der Objekte. Hier wird eine Vergleichsmessung mit der gamma-Sonde
direkt auf dem Sediment aufliegend durchgeführt. Hierdurch soll
ausgeschlossen werden, dass das gefundene Cs-137-Signal eventuell
aus den Objekten herrühren könnte.
Ergebnis: Das aufgezeichnete Spektrum ist
praktisch identisch
mit dem Spektrum in Abb. 1. Damit kann ausgeschlossen werden,
dass das gefundene Cs-137 in Abb. 1 aus den Behältern stammt.
Es handelt sich immer noch im wesentlichen um die Kontamination
des Sedimentes aus dem Unfall von Tschernobyl 1986 und nur zu
einem geringen Teil aus dem globalen Fallout. Die Lübecker Bucht
war 1986 ein Seegebiet mit etwas höherer Deposition des
Tschernobyl-Fallouts.

Abb. 2: Gamma-Spektrum mit 1000 s Messzeit.
Die Sonde befand sich direkt auf dem Sediment.
Der direkte Vergleich zwischen den beiden Spektren ist in
Abb. 3 zu sehen. Hierbei wurde die Impulsrate des "Null-Spektrums"
mit dem Faktor 6 multipliziert, um rechnerisch die gleiche Messzeit
in beiden Spektren zu erhalten.

Abb. 3: Vergleich der Gamma-Spektren.
Die Sonde befand sich direkt auf dem Sediment (Nullspektrum) bzw.
auf den Behältern (Fässer). Es ist praktisch kein Unterschied zwischen
den beiden Spektren festzustellen.
- Probenahme durch Taucher:
Direkt an den Objekten "A" wird eine Sedimentprobe durch
einen Taucher entnommen zur gamma-spektrometrischen Analyse
im Labor. Die Entnahme wird durch einen zweiten Taucher auf
Video festgehalten (Videofilm Kopie auf DENEB bzw. beim Kampfmittelräumdienst).
Eine zweite Probe wird an einem weiteren Objekt genommen. Diese
Proben sollen durch eine genaue Laboruntersuchung klären, ob
gegebenenfalls Radionuklide aus den Fässern ausgedrungen ist.
Ergebnis der Laboruntersuchungen:
Entnommen wurden die Sedimentproben als Feuchtmasse auf einem
Reinstgermaniumdetektor 79000 s gemessen.
| Masse (feucht) |
227,54 g |
228,74 g |
| Messzeit (s) |
79000 |
78000 |
| spez. Aktivitäten |
|
|
| Cs-137 (Bq/kg) |
36,1 ± 2,1 % |
57,9 ± 1,9 % |
| Cs-134 (Bq/kg) |
< 1,4 |
< 1,6 |
| Co-60 (Bq/kg) |
< 1,5 |
< 1,8 |
| Pb-214 (Bq/kg) |
29,6 ± 5,6 % |
24,0 ± 7,0 % |
| Ac-228 (Bq/kg) |
33,4 ± 7,3 % |
29,4 ± 8,2 % |
| K-40 (Bq/kg) |
662 ± 1,8 % |
679 ± 2,2 % |
Es liegen keine Anzeichen für eine Kontamination in den entnommenen
Proben durch aus den Fässern entwichene Radionuklide vor. Die
Werte liegen innerhalb des Erwatungsbereiches für dieses Seegebiet.
- Probennahme mit Hilfe des Gemini-Corers:
Es werden drei Kerne in unmittelbarer Umgebung (< 1 m
Abstand von den Behältern) mit dem Gemini-Corer entnommen und
diese in horizontale Schichten zerlegt, um die Ablagerungen
zeitlich zuordnen zu können. Die Proben werden entsprechend
den vorhandenen Laborvorschriften getrocknet und gamma-spektrometrisch
untersucht. Zwei Proben werden für die Untersuchung auf organische
Schadstoffe entnommen. Die Ergebnisse sind in der Anlage aufgeführt.
Die Ergebnisse lassen keine außergewöhnliche Kontamination durch
gamma-emittierende Radionuklide erkennen. Als Vergleich ist
in der Anlage das Ergebnis der Untersuchung aus dem Jahre 1999
an einer in der Nähe befindlichen Station aufgeführt.
- Entnahme einer Wasserprobe zur Untersuchung auf Caesium-137:
Mit einem 50 l Edelstahlschöpfer wurde in unmittelbarer Umgebung
der Objekte eine Wasserprobe in 20 m Tiefe entnommen. 40 l der
Wasserprobe werden mit Hilfe eines Seastar-Gerätes über den
Ionenaustauscher KCFC (Kalium-hexacyano-ferrat(II)-cobaltat(II))
gepumpt, um das Cs aus dem Wasser anzureichern. Das KCFC wird
anschließend im Labor gamma-spektrometrisch analysiert.
Ergebnis: Es ergibt sich eine Aktivitätskonzentration von
43 mBq/l für Cs-137. Das Ergebnis liegt innerhalb des auf dieser
Position zu erwartenden Wertes. Das Cs-137 stammt überwiegend
aus dem Unfall von Tschernobyl.
- Untersuchungen auf organische Schadstoffe
Zwei Oberflächenproben (s. 6.) wurden auf organische Schadstoffe
untersucht. Dazu wurden die feuchten Sedimente sequentiell mit
Lösungsmittel steigender Lipophilie (Aceton - Hexan) unter Untraschall-Behandlung
extrahiert, die Extrakte vereinigt und aufkonzentriert. Nach
Umlösung in Hexan wurde eine Vortrennung über eine Kieselgel-Chromatographie
durchgeführt. Auf diese Weise wurden für jede der beiden Proben
5 Teilfraktionen erhalten. Die so erhaltenen 10 Teilproben wurden zunächst mittels Gaschromatographie
mit Flammenionisationsdetektor untersucht. Dabei ergab sich,
dass die beiden Proben eine äußerst komplexe aber untereinander
sehr ähnliche Zusammensetzung aufweisen. Daher wurden nur die
5 Teilproben einer der beiden Proben mittels Gaschromaroographie-Massenspektrometrie
(GC-MS) weiteruntersucht. Die 5 Teilproben wurden mittels GC-MS im Scan Modus untersucht.
In jeder Teilprobe wurden mehr 1000 Einzelsubstanzen gefunden.
Die beobachteten Verbindungen wurden zunächst mittels automatischer
Bibliotheks-Suche (NIST-Bibliothek mit 150 000 Spektren) untersucht;
die erhaltenen Ergebnisse wurden auf Plausibilität und Richtigkeit
hin geprüft. Die automatische Bibliotheks-Suche lieferte pro
Teilprobe ca. 50 bis 100 Verbindungs-Vorschläge. Zusätzlch wurden die gesamten GC-MS-Analysen visuell auf
auffällige oder besondere Spektren-Muster hin untersucht. Bei all diesen Untersuchungen ergab sich, dass keine Auffälligkeiten
vorhanden sind; die Muster der beobachteten Stoffe entsprechen
einer "normalen", mit den üblichen Umweltschadstoffen belasteten
Sediment-Probe aus der Ostsee. Die relativ hohen Konzentrationen
sind durch die küstennahe Lage und den hohen Schlickanteil erklärbar.
Hervorzuheben ist, dass keine mengenmäßig dominierenden Substanzen
zu beobachten sind, dies wäre bei einem Eintrag durch eine nahe,
punktförmige, anthropogene Quelle (Fässer mit Chemikalien) zu
erwarten.
Die Ergebnisse im einzelnen: Fraktion 1 enthält die unpolarsten Verbindungen. Neben elementarem
Schwefel (durch natürliche Prozesse entstanden) sind vor allem
Kohlenwasserstoffe zu finden. Neben natürlichen n-Alkanen sind
auch Abbaureste von Erdöl-Produkten (stark gealterte Öl-Verschmutzungen)
zu beobachten. Das Auftreten von Methyl-Tributylzinn könnte
auf eine hohe Belastung durch TBT hinweisen, das unter diesen
Analysenbedingungen nicht erfasst wird. Die Fraktionen 2 bis 4 enthalten neben natürlichen Stoffen
hauptsächlich polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK)
in relativ hohen Mengen. Fraktion 5 enthält überwiegend natürliche Stoffe (z.B. Steroide,
langkettige Ester).
Zusammenfassung der Ergebnisse
Ergebnis der Laboruntersuchungen auf radioaktive Substanzen: Die gemessenen Ergebnisse liegen innerhalb des Erwartungsbereiches
für dieses Gebiet. Die Kontamination durch Cs-137 stammt aus
dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Die geringere Kontamination
an Cs-137 gegenüber den Proben, die mit dem Gemini-Corer entnommen
wurden, liegt daran, dass bei der Probenahme durch den Taucher
die direkte Oberflächenkontamination des Sediments durch geringer
kontaminierte tiefere Schichten "verdünnt" wurde.
Ergebnis der Laboruntersuchungen auf organische Substanzen: Es können keine besonderen Schadstoffe nachgewiesen werden.
Die Ergebnisse für polyzyklische Aromaten (PAH) sind sehr hoch.
Hier wird aber kein Zusammenhang mit den Behältern gesehen.
Hamburg, den 29. Mai 2001
im Auftrag
Dr. Hartmut Nies
Dir. & Prof.
Startseite
|